"To be born, to die, to be reborn again and to always progress, that is the Law."

 

Der Spiritismus: Ein Vorwort

Von Hans Geisler*

Ob die internationale Jenseitsforschung ohne die grundlegenden Werke Allan Kardecs zu dem geworden wäre, was sie heute ist, nämlich zu einem nicht mehr übersehbaren, bedeutungsvollen Faktor im Geistesleben vieler westlicher Kulurnationen, kann mit Recht bezweifelt werden. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass mit der erstmaligen Veröffentlichung des "Le Livre des Esprits" (Buch der Geister) am 18. April 1857 in Paris der moderne Spiritismus jene kräftigen Anfangsimpulse bekam, die bis heute nachwirken. Eine besonders durchgreifende und nachhaltige Wirkung hatten die Kardecschen Werke in den romanischen Ländern Europas, später in Südamerika, wo heute noch die Kardeschen Bücher als Quellen- und Standardwerke der praktischen Geist- und Jenseitsforschung überragende Geltung haben und diese Rolle voraussichtlich auch noch in den kommenden Jahrzehnten spielen werden.

Die Geist- und Jenseitsforschung der letzten hundert Jahre im deutschen Sprachgebiet hat sich vorwiegend an der einschlägigen anglo-amerikanischen Fachliteratur orientiert, besonders seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Viele theoretische und praktische Vorkämpfer der spiritistischen Bewegung - denn um eine solche handelt es sich - wurden zu Opfern der Verfolgungen aller Okkultisten im sogenannten Dritten Reich, haben ihr mutiges Bekenntnis zu den kosmischen und geistigen Grundwahrheiten des Spiritismus mit ihrem Leben bezahlt. Darüber hinaus wurden alle Bücher und Schriften geistes- und grenzwissenschaftlichen Charakters beschlagnahmt und vernichtet. So kam es, dass seit 1945 die Werke Allan Kardecs nur noch ganz vereinzelt hier und da antiquarisch auftauchten. Wer sie besass, hütete sie wie einen kostbaren Schatz und gab sie nicht her.

Da nun inzwischen eine neue Nachkriegsgeneration herangewachsen ist, die - trotz vieler gegenteiliger Behauptungen - an dem Problem "Persönliches Weiterleben des Menschen nach dem Tode - oder nicht?" ernsthaft interessiert ist, hat sich der Bauer-Verlag entschlossen, die beiden Hauptwerke Kardecs: "Das Buch der Geister" und "Das Buch der Medien" nach Bearbeitung durch einen erfahrenen Spiritisten neu herauszubringen, weil diese Bücher das bieten, was der moderne Mensch sucht: eine klare, logische und sachliche, rein auf Tatsachen fussende Darstellung der Ergebnisse der Jenseitsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Praxis. Der Mensch der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kann mit romantischen Träumereien und kirchlichen Glaubensbefehlen (Dogmen) nicht mehr viel anfangen, er will sich den grossen Fragen nach Ewigkeit, Jenseits, göttlicher Gerechtigkeit, Lebenssinn und -ziel mit naturwissenschaftlicher Exaktheit und Gründlichkeit nähern, will die Möglichkeit haben, selbst zu prüfen, zu untersuchen und zu experimentieren. Die praktische Geist- und Jenseitsforschung, an der schätzungsweise 200 Millionen Menschen in aller Welt aktiv oder passiv mitwirken, bietet ihm Gelegenheit dazu. Die beiden Hauptwerke Allan Kardecs können ihm als ausgezeichnete Handbücher dienen. Wenn seit ihrer ersten Veröffentlichung auch schon mehr als hundert Jahre vergangen sind, so sind sie doch keineswegs veraltet, sondern die in ihnen dargelegten Grunderkenntnisse und Forschungsmethoden haben heute noch uneingeschränkt Geltung.

Wer war Allen Kardec? Er hiess mit bürgerlichem Namen Hyppolyte Leon Danizard Rivail und hat neben vielen pädagogischen Schriften etwa ein Dutzend rein spiritistischer Werke gechrieben, die allein in Brasilien (1957) über 200 Auflagen erlebten, davon das "Buch der Geister" 25 Auflagen mit 226'000 Exemplaren, das "Buch der Medien" mit ebenfalls 25 Auflagen und 201'000 Exemplaren. Schon aus diesen Zahlen ist ersichtlich, welch nachhaltigen Eindruck Allan Kardec auf alle seine Leser gemacht hat, wie er sie zu überzeugen und innerlich mitzureissen verstand.

Allan Kardec ist auch der einzige Spiritist in der ganzen Welt, dem zu Ehren im Jahre 1957 anlässlich der hundertsten Wiederkehr der ersten Herausgabe seines "Buches der Geister" die brasilianische Postverwaltung eine Gedenkbriefmarke in fünf Millionen Exemplaren mit dem Bild Kardecs herausgab. Das war ein Dank der Brasilianer für den Mann, der durch seine Bücher die geistigen Grundlagen schaffen half, auf denen in Brasilien (und letztlich in ganz Süd- und Mittelamerika) der Spiritismus zu einer regelrechten Volksbewegung werden konnte. Diese Tatsachen sind im deutschen Sprachgebiet weitgehend unbekannt, sind aber mit ein Grund dafür, dass der Bauer-Verlag sich zur Neuherausgabe der beiden Kardecschen Hauptwerke entschlossen hat.

Noch kurz einiges Persönliche über den grossen Pionier des praktischen Spiritismus. Allan Kardec lebte in Frankreich von 1804 bis 1869, war ein hervorragender Schüler Pestalozzis und ein bedeutender, vielsprachiger Pädagoge, später spiritistischer Forscher und Schriftsteller.

Der Nobelpreisträger Charles Richet würdigte seine Bedeutung für den Spiritismus mit den Worten: "Man muss vorbehaltlos die intellektuelle Energie Allan Kardecs anerkennen. Er stützt sich immer auf das Experiment, so dass man sein Werk nicht nur als eine grandiose homogene Theorie, sondern auch als eine eindrucksvolle Zusammenfassung von Tatsachen anerkennen muss."

Mrs. Ann Blackwell, die Kardec persönlich gekannt und seine Hauptwerke ins Englische übersetzt hat, hinterliess der Nachwelt (laut "Geschichte des Spiritismus" von Conan Doyle) folgende Beschreibung:

"Allan Kardec war von kleiner Statur, robust und firm, mit rundem, breitem Kopf, gut ausgeprägten Zügen und hellgrauen Augen, mehr einem Deutschen als einem Franzosen gleichend. Er war aktiv und hartnäckig, aber von ruhigem, vorsichtigem, realistischem Temperament, fast kalt, skeptisch von Natur und Erziehung, logisch und präzis in seinen Argumenten, überaus praktisch in seinen Ideen und Handlungen und somit abgeneigt jedem Mystizismus und Enthusiasmus. Er sprach langsam und überlegt, ohne jede Affektiertheit, aber mit unzweifelhafter Würde, die seinem ehrlichen und ernsthaften Charakter entsprach. Er suchte keine Diskussionen, ging ihnen aber auch nicht aus dem Wege, regte auch niemals von sich aus zu Gesprächen über die Dinge an, denen er sein Leben gewidmet hatte. Er empfing liebenswürdig die zahlreichen Besucher, die aus aller Welt zu ihm kamen, um mit ihm über seine Ideen zu sprechen. Manchmal nahmen seine Züge einen strahlenden, wohlgefälligen Ausdruck an, obgleich man ihn bei seiner ernsthafen Veranlagung niemals hat lachen sehen."

Unter den Tausenden von Besuchern waren Leute von sozialer, literarischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Bedeutung. Kaiser Napoleon III., der aus seinem Interesse für den Spiritismus kein Geheimnis machte, liess ihn verschiede Male rufen und unterhielt sich in den Tuilerien oft lange mit  ihm über sein "Buch der Geister".

Zur Orientierung für die deutschen Leser nachstehend noch die Titel der Kardecschen spiritistischen Werke:

Möge das "Buch der Geister" und das "Buch der Medien" dem deutschsprachigen Geist- und Grenzwissenschaftler Antwort auf all die Fragen geben, die ihm von anderer Seite nicht oder nur ungenügend beantwortet werden können.

Ich zitiere zum Schluss noch die Worte eines führenden deutsch-brasilianischen Spiritisten: "Wäre man in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts geistig und seelisch schon soweit gewesen wie Brasilien, hätte man die beiden Weltkriege mit ihren entsetzlichen Folgen vermeiden können."

Viele werden dieser Meinung nicht ohne weiteres beipflichten, fest steht aber, dass der forschende Spiritismus keine Angelegenheit für abergläubische Schwarmgeister oder Hintertreppen-Sektierer ist, sondern eine Wissenschaft im echten Sinne des Wortes, ein Forschungsgebiet von lebensentscheidender Bedeutung für den Einzelmenschen wie für die Völker. Nur wenn der Mensch in der Lage ist, seine Rolle und Aufgabe innerhalb der menschlichen Gesellschaft an Hand logischer und beweisbarer geistig-seelischer Grundgesetze klar zu erkennen und wohlbegründet danach zu handeln, wird er mit den Problemen fertigwerden, die unser technisch-naturwissenschaftliches Übergangszeitalter an ihn stellt, das gebieterisch nach einer Synthese zwischen Glauben und Wissen verlangt. Möge die Neuherausgabe der beiden Kardecschen Werke mit dazu beitragen, dass dieses hohe Ziel erreicht wird.

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* Das Buch der Geister: die Grundsätze der spiritistischen Lehre / Allan Kardec.

Die Versionen dieses Textes auf Deutsch, Englisch und Französisch sind nicht gleich.

Für weitere Informationen: www.geae.org.  Auf Deutsch, English, Español, Português.