Das Kreuz mit Paulo Coelho*

Der brasilianische Bestsellerautor auf universaler Sinnsuche

Jeder gutmeinende Lektor oder Literaturkritiker hätte dem Brasilianer Paulo Coelho nach seinem ersten Buch («Auf dem Jakobsweg») geraten, das Schreiben mangels Talent lieber aufzugeben. Solche Lektoren hat es vermutlich gegeben, denn der «Jakobsweg» kam anfangs nicht über den Zirkel esoterischer Kleinverlage hinaus. Doch Paulo Coelho schrieb weiter. 1988 erschien «Der Alchemist», ebenfalls ein Werk voller christlicher Mystik, metaphysischer Hellseherei und Kabbalistik. Doch siehe da: Die Nachfrage war kaum zu befriedigen, eine Auflage jagte die nächste, nicht nur in der Heimat des Autors, sondern nun auch weltweit. Seither produziert Paulo Coelho einen Band nach dem anderen.

Da verstummten die Literaturkritiker, und die Marketingleute übernahmen das Kommando. Paulo Coelho stürmte auf die Gipfel der Bestsellerlisten. 25 Millionen Bücher aus seiner Feder sind inzwischen verkauft worden, in 39 Sprachen hat man sie übersetzt. Er ist der derzeit meistgelesene Autor aus Lateinamerika. Schon das ist ein Grund, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Man kann das auf zweierlei Weise tun: 1. fragen, warum er so erfolgreich ist, und 2. seine Werke kritisch unter die Lupe nehmen. Ob zwischen der Qualität seines Erfolgs und der seiner Bücher ein Zusammenhang besteht, bleibt erst einmal offen. Und damit auch die Frage, ob diese Bücher besser unter der Etikette «Esoterik» oder «Literatur» laufen sollten.

Clean

Paulo Coelho ist clean. In seinen Bestsellern fliesst kaum Blut, Gewalt und Greuel gibt es so gut wie keine. Der Himmel und das weite Meer, die liegen dem Coelho in Rio zu Füssen an der Avenida Atlantica im 9. Stock. An der Copacabana wohnt der Mann, den die Mächtigen dieser Welt zur Audienz einladen und um den sich Millionen Leser reissen. Coelho hat den Erfolg nicht gesucht. Seine Bücher schreibt er für sich selber, sie sind ein Stück seines eigenen Weges nach Sinnsuche. Sie sind natürlich Gewächse auf dem Humus europäisch-christlicher Mystik. Brasilianisch ist daran, dass Coelho mit dieser Symbolik spielt - aber seine Romane haben nichts mit Lateinamerika zu tun, sondern, so glaubt der Autor, mit der universalen Suche nach Sinn.

An Paulo Coelho scheiden sich die Geister. Viele halten ihn für einen Scharlatan, einen Homöopathen des Geistes, der auf der Welle der Esoterik reitet, andere gehören zu seinen Jüngern, die meisten aber glauben: Vielleicht ist ja was dran an dieser Suche nach Stimmen und Tönen jenseits der banalen Wirklichkeit. Ein Blender ist er nicht, denn er glaubt, was er schreibt. Und er ist ein begnadeter Organisator. Wenn das Wort «Literaturbetrieb» einen Sinn hat, dann bei ihm. Seine Homepage im Internet ist professioneller als die mancher Airline. Tausend Meter von seinem Loft entfernt arbeitet ein ganzes Büro für ihn, und in Barcelona sitzt eine Vermarktungszentrale. Die internationalen Verlage und Agenturen besorgen die Termine und Kontrakte. Bis auf das Schreiben selber ist alles ausgegliedert.

«Auf dem Jakobsweg» ist nüchtern betrachtet die Chronologie einer 55-tägigen Pilgerreise auf dem mittelalterlichen Pfad der Erleuchtung nach Santiago de Compostela. Es gibt genügend fromme Seelen oder Neugierige, die diesem Pfad auch heute noch folgen, sei es allein oder mit Hilfe eines auf Spiritualität spezialisierten «alternativen» Tourismus. Paulo Coelho geht diesen Weg, aber seine Beschreibung ist so blass und hölzern, dass sie nicht einmal für einen Reiseführer geeignet wäre. Die Dörfer («einsam») und Stätten («verfallen»), die Menschen («aufrichtig») und die Landschaft («karg») sind allenfalls plakativ geschildert. Doch um naturalistische Darstellung geht es Paulo Coelho nicht. Er beschreibt lediglich seine Suche nach dem «Schwert», das der «Meister» einer obskuren katholischen Loge ihm versprochen hat - wenn er denn die «Prüfungen» auf dem Pfad der Erkenntnis bewältigt. Und dazu braucht er einen «Führer» namens «Petrus», der unversehens auftaucht.

Der Pfad der Erleuchtung - ein Hindernislauf. Denn unterwegs fallen Paulo Coelho tollwütige Höllenhunde an, und er muss zum Baum der Erkenntnis durch einen Wasserfall klettern, um schliesslich angesichts eines frommen Lammes die höchsten Gnaden, sein «Schwert» also, zu empfangen. Das alles passiert, wie es sich gehört, in einer Klosterruine vor dem Heiligen Gral der «Meister». Was Coelho da auftischt, ist so schwer zu verdauen wie eine brasilianische Feijoada aus Schweinsohren und -füssen, dicken Bohnen und Maisbrei. Er hat das Gericht aus der Küche mittelalterlicher Mystik, schwarzer Magie, dem Ultraismus des von ihm verehrten Jorge Luis Borges, dem Spiritismus eines Alan Kardec und der Wunderheilerei von «Dr. Fritz» (ein in ganz Brasilien bekanntes Medium) zusammengerührt.

Brasilianer können das verkraften, denn sie sind es gewohnt, mit den Versatzstücken von Kulturgütern zu spielen, als seien es Legosteine. Ausserdem ist Paulo Coelho Autodidakt. Wenn er Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen oder sonstige Illuminaten heranzieht, spürt man: alles angelesenes Zeug. Ist er also ein Synkretist? Das weist er zwar von sich, aber natürlich ist er das, wenn wir den Begriff «Kolportage» vermeiden wollen. In Wirklichkeit geht es Coelho nur um sich selber. Das wird besonders deutlich in seinem neuesten Werk, «Das zweite Leben der Veronika». Deshalb ist dieser Roman authentischer und ehrlicher, als was er bisher geschrieben hat.

Bei «Veronika» handelt es sich darum, dass eine junge Frau in Ljubljana einen Selbstmordversuch unternimmt und in einer psychiatrischen Klinik landet, wo sie ihr «wirkliches Leben» entdeckt. Und dies deshalb, weil der Klinikarzt ihr suggeriert, sie habe wegen eines Herzfehlers nur noch wenige Tage zu leben. - Ein interessanter Plot. Und was macht Paulo Coelho draus? Ein Drehbuch, aber keinen Roman. Es wäre kein Wunder, wenn Hollywood hier zugriffe. Denn der Roman endet natürlich mit einem Happy End: Veronika verlässt in Begleitung von «Eduard» das Irrenhaus, um ein neues, irres, also unkonventionelles Leben anzufangen. Und dieser «Eduard» ist kein anderer als der Verfasser selber. Denn Paulo Coelho, das behütete Kind einer wohlhabenden Familie in Rio de Janeiro, wurde einst wegen exzentrischen Verhaltens (Drogen, Religions- und Künstlerwahn) von seinen Eltern in die Psychiatrie gesteckt, was ihn vollends aus der bürgerlichen Bahn warf. Coelho widerspricht nicht, wenn man behauptet, dass seine Literatur der Aufarbeitung dieses Traumas dient.

Sinnsucherei

Kunst entsteht oft aus Verletzung. Und deshalb sind die Gründe für Coelhos Schaffen (er hat seine ersten Tausender mit Protestsongs verdient) völlig legitim. Gleichwohl, «verarbeitet» sind seine Sachen nicht. Die Sprache ist arm, die Personen bleiben Schemen. Und er, der Autor, weiss von vornherein alles. Die Mystik, die er anklingen lässt, überträgt sich nicht in den Text. No sex, no crime, no passion. Es ist ein Kreuz mit Coelho, dem Katholiken. Aber er will ja keine schöngeistige Literatur schreiben, sondern den Egotrip absolvieren. In Ordnung. Aber müssen wir, wollen wir das lesen? Offenbar ja.

Das sollte zu denken geben. Offenbar gelingt es Coelho, eine Saite klingen zu lassen, die gehört werden will. Seine Aufforderung an den Leser, seine Ketten zu sprengen, seinen Träumen zu folgen - aber bloss nicht politisch zu handeln, deutet darauf. Coelho vermeidet jeden Bezug zur Wirklichkeit seines Landes. Er bleibt das Kind der wohlbehüteten Oberklasse an der Copacabana, für die die «Zona Norte», also der Teil, dem der Christus auf dem Corcovado den Rücken zukehrt, ein weisser Fleck auf der Karte ist. Dort lebt die Mehrheit der «Cariocas» im Elend. Die Sinnsucherei von Paulo Coelho und seinen Lesern ist nichts anderes als die Seelenpein gelangweilter Zeitgenossen. Paulo Coelho verkörpert den Autismus der Wohlhabenden seines Landes und der übrigen Welt gegenüber den realen Problemen dieses Planeten. Sein «Jakobsweg» führt in einem grossen Bogen um die Favelas herum.

* Carl D. Goerdeler

Neue Zürcher Zeitung, 16. Mai 2000

Paulo Coelho: Veronika beschliesst zu sterben. Roman. Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes-Verlag, Zürich 2000. 224 S., Fr. 34.90.