Amazonas: Lebensader im tropischen Regenwald
* Von Erich Gysling, Destination, Winter 2000/2001
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Amazônia
Der Amazonas, grösster Strom Südamerikas, speichert in seinem Becken einen Fünftel
der Süsswasservorräte der Erde und gilt somit als grösstes, natürliches
Wasserreservoir. Weil ohne genügend sauberes Süsswasser auf unserem Planeten kein
menschliches Leben denkbar ist, hat das Amazonas-Becken für die gesamte Menschheit eine
grosse Bedeutung. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht nur wegen der fantastischen
Naturschönheiten im tropischen Regenwald auf Amazonien, sondern auch wegen des
schwierigen Balance-Aktes, das ökologischen Gleichgewichts zwischen Naturbelassenheit und
industrieller sowie landwirtschaftlicher Nutzung zu halten. Amazonien, so gross wie
Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark und Deutschland zusammen, ist wunderschön, es ist
aber auch eine der sensibelsten Zonen der Erde in Bezug auf Natur und Umwelt.
Aufwachen in Belém, nach einer unendlich langen Reise von
Europa via São Paulo, die erst so spät nachts endete, dass
man von der Stadt und der Umgebung nichts mehr wahrnehmen konnte - da ist er, der
gewaltige Strom, direkt vor dem Fenster des Hotels Beira Rio. Ein erster Blick genügt
schon, um seine Schwere, seine Masse zu erfühlen. Und tatsächlich: der Amazonas, etwa
gleich lang wie der Nil, verströmt mit 160'000 Kubikmeter pro Sekunde zwölfmal mehr
Wasser als der Mississippi, liefert fast einen Fünftel der Süsswassermenge der Erde und
ist bis 110 Meter tief.
Es ist sehr still an diesem frühen Morgen. Kein Geräusch von den Wellen auf der
breiten Wasserfläche. Vielleicht zweihundert Meter von der Terrasse des Hotels entfernt
zieht eine grosse, schwimmende Insel von Wasserhyazinthen vorbei, stetig dem Atlantik
zugleitend, vom dem die Millionenstadt Belém noch 120 Kilometer entfernt liegt. Dann
plötzlich ändert sich die Kulisse. Es ist jetzt sechs Uhr früh und die ersten
Fischerboote fahren mit tuckernden Motoren aus. Etwas weiter entfernt schwimmt ein
riesiges Fährschiff mit so vielen Lastwagen drauf, dass man zum Zählen keine Lust hat.
Schon bald darauf intensiviert sich der Verkehr der so typischen Amazonas-Schiffe mit
ihren ein wenig an Hängebauchschweine erinnernden Holzkonstruktionen, die im unteren Raum
Fracht, im oberen Menschen in Hängematten befördern und fast immer auf beiden Etagen
voll bepackt sind.
Eine Amazonas-Reise sollte eher in Belém als in Manaus
angetreten werden. Schon deshalb, weil Belém mehr als Stadt bietet. Dazu gehört
beispielsweise der unglaublich vitale "Ver-o-peso-Markt", auf dem neben allen
Früchten und Gemüsen der Region und dem Fischmarkt auch das ganze Arsenal an Volks- und
Zaubermedizin zu haben ist, von deren Wirkung Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer
überzeugt sind: Liebestränke, Wurzeln zum verhexen, Hüftgelenke aus Wachs, die bei der
Anrufung von Hilfsgeistern in den afro-brasilianischen Kulten, dem Candomblé oder der
Macumba, gute Dienste leisten. Zudem besitzt Belém ein von den Gummibaronen um die
Jahrhundertwende erbautes Opernhaus, das ebenso imposant und schön ist wie das
berühmtere von Manaus. Und wer erst einmal wissen will, was die Amazonas-Region an Flora
und Fauna bietet, kann sich in tropischen Garten der Emilio-Goeldi-Stiftung einen
Überblick verschaffen.
Eigentlich machen die von Norden und Süden in den Amazonas fliessenden Ströme mit
ihren Dörfern und Kleinstädten und dem Alltagsleben am Wasser die Faszination der Region
aus. Die grossen Kreuzfahrtschiffe ziehen bis nach Manaus hinauf und manchmal sogar noch
weiter, können aber nicht in die Nebenflüsse hinein. Die Passagiere steigen deshalb für
kürzere Ausflüge auf kleinere Boote um. Wer es ganz einfach haben will, kann an den
Quais der Amazonas-Städte entlanggehen und sich ad hoc für wenig Geld für eine Fahrt in
der Hängematte entscheiden. Die zwischen Manaus und Belém gelegene Stadt Santarém
beispielsweise bietet einen dicht mit Schiffen belegten Hafenquai von dreieinhalb
Kilometern Länge. Wer etwas dazwischen sucht, wird via Internet oder bei Agenturen
fündig. Es gibt unendlich viele Mittelklass-Schiffe und auch solche für den
anspruchsvolleren Tourismus, die jeweils einige Tage einen Abschnitt de Stroms befahren.
Und schliesslich besteht auch noch die Möglichkeit, sich in einer Lodge in der näheren
oder ferneren Umgebung von Manaus für ein paar Tage einzuquartieren und von dort aus
Ausflüge am und auf dem Wasser und im Urwald zu unternehmen.
Bis nach Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Staates Amazonas, können
5000-t-Seeschiffe fahren und bis nach Iquitos (Peru) solche mit 3000 Tonnen
Wasserverdrängung. Der Amazonas ist an seiner engsten Stelle 1,8 Kilometer und an der
weitesten im Mündungsgebiet 250 Kilometer breit.
Urwald? Gibt es den überhaupt noch? Schliesslich berichten die Medien in Europa im
Zusammenhang mit der Amazonas-Region fast ausschliesslich von der Zerstörung der Wälder
oder von Umweltkatastrophen und Konflikten zwischen Goldgräbern und Yanomami-Indios. Das
gibt es alles, aber es gibt auch das Gegenteil. Amazonien verfügt immer noch über eine
Waldfläche von etwa drei Millionen Quadratkilometern. Allerdings ist etwa 14% des Waldes
gerodet worden, und dies nicht einmal hauptsächlich für die Holzproduktion, sondern als
Folge des Baus der grossen Fernstrassen. In der Umgebung der Strassen entstanden
Siedlungen, und zu den Siedlungen gehören Rodungsflächen für die Landwirtschaft. Alle,
die dort hingezogen sind und weiterhin dorthin ziehen, gehen von der Erwartung aus, man
könne in Amazonien ausserordentlich effizient produzieren. Doch die Realität beweist das
Gegenteil: Das Erdreich ist dünn und laugt so schnell aus, dass die Siedler immer
neue Flächen roden müssen, um zu überleben. So ist das Wuchern auch kleiner Siedlungen
immerzu vorprogrammiert. Die Holz-Nutzung anderseits, auch wenn sie nicht das Hauptproblem
ist, zeitigt eben doch unerwartete negative Konsequenzen, die eigenartigerweise mit der
beeindruckenden Artenvielfalt des Amazonas-Waldes zusammenhängen.
Im Amazonas-Gebiet wachsen ca. 4000 Baumarten. Dem Artenreichtum steht aber jeweils nur
einige geringe Zahl von Exemplaren der gleichen Spezies gegenüber. Pro Hektar gibt es im
Durchschnitt nur drei bis vier Edelholzstämme. Wer sie herausholen will, zerstört
manchmal bis zu 50% der Bäume auf einem Hektar. Zweischneidig ist auch die Nutzung der
Wassermassen des Amazonas-Gebiets für die Energieproduktion. Die riesigen Stauseen - das
Kraftwerk Tucuruí beispielsweise hat einen Stausee von 2400 Quadratkilometern, d.h.
viermal die Fläche des Bodensees - zerstörten breiträumig ehemalige Waldflächen. Im
Wasser verfaulen gewaltige Mengen von Holz, und daher fehlt es an Sauerstoff. In der
Konsequenz gehen die Fischbestände zurück. Stattdessen verbreiten sich die
Wasserschnecken, die die Ausbreitung der Anopheles und somit der Malaria fördern.
Aus der sicheren europäischen Ferne wird das Eingreifen des Menschen im
Amazonas-Becken ohne grössere Bedenken verurteilt. Aus brasilianischer Sichtweise sieht
es teilweise anders aus. Das Land mit seinen fast 170 Millionen Menschen möchte bei der
Energieversorgung autonom werden. Daher der "Plano 2010", der den Bau von
weiteren 79 Wasserkraftwerken vorsieht. Und weil der Bevölkerungsdruck im Norden des
Landes vorläufig kaum nachlässt, will die Regierung auch mit der Nutzung der noch
vorhandenen Waldflächen weiterfahren, allerdings in etwas vernünftigerem Rahmen als
früher, wie an Ort und Stelle erklärt wird. Man bestrafe jetzt die Umweltsünder härter
als früher, sagen Fachleute, und die Behörden seien mit der Vergabe von Konzessionen
vorsichtiger geworden. Das Image Brasiliens in Bezug auf die tropischen Regenwälder am
Amazonas hat sich immerhin so weit verbessert, dass die G-7-Länder und die Weltbank das
Land jetzt innerhalb eines Pilotprogramms unterstützen, sofern es eine nachhaltige
Nutzung fördern will. Und dies trotz der Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit in Amazonien ein
dehnbarer Begriff ist.
Von all dem sieht der Amazonas-Reisende nicht viel. Die Weite der noch vorhandenen
Wälder, wie man sie auf dem Flug zwischen Belém und Manaus von hoch oben mitbekommt, ist
überwältigend. Im Strom gibt es Inseln in der Grösse von Schweizer Kantonen. Die Insel
Marajó unten in der Mündung mit einer Fläche grösser als die ganze Schweiz ist selbst
aus dem Jet nicht überblickbar. Weite und ein Hauch von Unendlichkeit - Amazonien!